Vorsätze für das neue Jahr 2022

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Thomas Stefenelli

Dieses Interview wurde anläßlich einer MERCK-Podcasts-Aufzeichnung geführt.

F: In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Diskussion um unsere Gesundheit hauptsächlich um die COVID-19-Pandemie gedreht. Viele andere Erkrankungen und deren Risikofaktoren sind dabei in den Hintergrund getreten. Wie kann für Sie als Spezialisten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen der Jahreswechsel auch in diesen schwierigen Zeiten Anlass sein, sich gute Vorsätze zu nehmen. Haben Sie Vorsätze für 2022?

TS: Kurzfristig muss es unser Ziel sein, selbst alles dazu beizutragen, die Pandemie raschest zu beenden. Unabhängig von der momentanen Situation bedingen jedoch primär längerfristige Vorsätze eine ernsthafte Hinterfragung des letzten Lebensabschnittes, in dem manches besser oder schlechter gelaufen ist. Danach können Vorsätze die Ziele für die kommenden Jahre bzw. den nächsten Lebensabschnitt vorgeben.

F: Was könnten für Sie als Arzt und Kardiologen solche Ziele sein?

TS: Ich würde mögliche Ziele und die auf dem Weg dorthin nötigen Vorsätze in 3 große Gruppen einteilen:

  1. Positiv an Herausforderungen des Lebens herangehen und gutes für die Seele tun,
  2. Körperlich gesund wieder ein Jahr älter zu werden (was alle Aspekte der Prävention inkludiert!) und schließlich
  3. Die Voraussetzungen zu optimieren, das Alter auch geistig fit genießen zu können.

F: Neben all den erstrebenswerten Aspekten eines positiven Herangehens an die Herausforderungen des Lebens – wie wirkt sich positives Denken oder „gutes für die Seele tun“ auf unsere Gesundheit aus?

TS: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Optimisten und/oder Menschen, die den eigenen Alterungsprozess positiv annehmen seltener erkranken, kürzer rekonvaleszent sind und länger leben. Vorsätze, dies zu erreichen, können einerseits bei der Umgebung ansetzten, indem Kontakte zu anderen positiv denkenden Menschen intensiviert werden, andererseits in der eigenen Reflexion. Mehr Zuhören, Wertschätzung, Achtsamkeit wird diesen Weg erleichtern. Der Versuch, jeden Tag mit einem Lächeln oder dem berühmten Zitat „yes, we can“ zu beginnen sollte mit einer abendlichen Hinterfragung der schönen Erlebnisse des Tages enden.

F: Positives Denken wirkt sich auch auf unser Herz-Kreislauf-System aus?

TS: Ja!
Die Dänische Psychosomatikerin Susanne Pedersen hat einmal demselben Kollektiv einen lustigen Film und eine Tragödie vorgespielt. Dabei wurden Blutdruck, Herzfrequenz sowie Durchblutungsparameter gemessen: das Ergebnis war, dass herzhaftes Lachen zu einer Optimierung der Herz-Kreislauffunktion führt.

F: Das wäre doch ein erstes erreichbares Ziel! In Ihrem zweiten Ansatz möglicher Vorsätze haben Sie die Gesundheit erwähnt.

TS: In Österreich versterben noch immer fast 39% der Menschen an Herz-Kreislauf- Erkrankungen und somit einige Jahre früher, als in anderen europäischen Ländern. Viele dieser Krankheiten sind auf wenige beeinflussbare Risikofaktoren zurückzuführen. PatientInnen mit Atherosklerose, also einer Erkrankung der Arterien, die zu Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Gefäßverengungen in den Beinen führen kann, haben in 9 von 10 Fällen zumindest einen der 5 Risikofaktoren:

  • Rauchen,
  • Bluthochdruck,
  • Diabetes,
  • Fettstoffwechselstörung und – oder sehr oft in Kombination
  • Übergewicht

F: Rauchen aufzuhören ist ja einer der häufigsten Vorsätze.

TS: Und einer der frustrierendsten, obgleich nicht aufzugebend.
Wichtig erscheint mir, regelmäßig das gesamte eigene Risikoprofil zu hinterfragen und die eigenen „Schwächen“ zu kennen. Dies ist Voraussetzung einerseits durch Hinterfragung mancher individueller Lebensgewohnheiten, andererseits durch Minimierung von Infektionen sowie regelmäßige Medikamenteneinnahme unter ärztlicher Kontrolle und dabei gegebenenfalls Dosisanpassung gegenzusteuern. In manchen Fällen wäre es auch ein positiver Ansatz, den Ratschlägen gewissenhafter Ärztinnen und Ärzte zu vertrauen, als dem Internet bzw. „neuen Medien“.

F: Dies bedeutet auch: mehr Sport, weniger Süßigkeiten und betrifft viele liebgewonnene Gewohnheiten.

TS: Etwas mehr Bewegung, wie zwei-/dreimal in der Woche rascher Spazierengehen bzw. „neudeutsch“ walken, oder – wie ich es noch von meinen Eltern kenne – jede Woche einen Gemüsetag, einen Fischtag, einen Auflauftag mit insgesamt mehr Gemüse und Salat als Fleisch lässt sich ohne Verlust an Lebensqualität umsetzen.

Bei Übergewicht hat neben der Steigerung des Energieverbrauches durch mehr Bewegung das berühmte „FDH“ nichts mit der Qualität des Essens zu tun. Als Zwischenmalzeiten könnte jeder individuell sein ihm besonders zusagendes Rohgemüse oder Obst neu entdecken.

F: Wiederkehrende wichtige Vorsätze, für deren längerfristige Umsetzung auch Diät- Tagebücher oder kurze Eintragungen im Kalender hilfreich sein können. In Ihrem dritten Bereich an Zielen haben Sie längerfristig die Erreichung eines nicht nur körperlich, sondern auch geistig fitten Alters angeführt. Was meinen Sie damit?

TS: Man kann längerfristig dem frühzeitigen geistigen Abbau vorbeugen. Dafür muss man rechtzeitig beginnen bzw. die Voraussetzungen schaffen.

F: Wie kann ich meinem geistigen Abbau im Alter entgegenwirken?

TS: Hier gibt es neben der kontrollierten Alkoholzufuhr viele Möglichkeiten, die in einem noch stressigen Alltag nicht vernachlässigt sondern zunehmend intensiviert werden sollten: Training der geistigen Beweglichkeit und intellektuellen Offenheit für neues kann die stete Auseinandersetzung mit erweiternden Fragestellungen oder Denkansätzen sein. Dies geschieht z.B. durch Lesen, regelmäßige Theater-/Kino- oder Konzertaufführungen, Vorträge oder Diskussionsrunden, Aktivitäten in Clubs oder Vereinen, Erlernen neuer Sprachen oder Techniken, kreative Hobbys, Lösen von Rätseln oder Sudokus, usf.
Einige der vielen Möglichkeiten sollten je nach eigenem Interesse frühzeitig und breit angenommen werden.
Nicht zu vernachlässigen erscheint dabei auch, den gesellschaftlichen Umgang und über das Berufsleben hinausgehende, generationsübergreifende Sozialkontakte aktiv zu pflegen; dies muss nicht nur am Stammtisch, sondern kann auch durch gemeinsame Spaziergänge, regelmäßige Telephonate oder schriftliche Korrespondenzen mittels mails oder Briefen erfolgen.
Hier schließt sich der Kreis zu meinem ersten Ansatz, positiv in den Tag und auf die uns begegnenden Menschen zuzugehen.

F: Herr Professor, wir danken für das Gespräch und hoffen, dass sich viele Leser Ihre Vorsätze zu Herzen nehmen und auch umsetzen.

Zweitmeinung Herzarzt Wien- Prof. Thomas Stefenelli
Prim. Univ.- Prof. Dr. Thomas Stefenelli ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und AngiologieVorstand, 1. Med. Abt., Donauspital und allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger Seine fachlichen Schwerpunkte sind: Herzmuskelschwäche/Herzinsuffizienz, Koronare Herzkrankheit/Angina pectoris, Atherosklerose/Gefäßkrankheiten, Herzklappenerkrankungen.

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