Auf den Puls gefühlt

Gibt es eine „optimale“ Herzfrequenz?
Mit anderen Worten hinterfragt: besteht ein Zusammenhang zwischen der Zahl unserer Herzschläge und unserer Lebenserwartung?
Wie können wir unsere Herzfrequenz beeinflussen?
Und: gibt es einen Zusammenhang zwischen unserem Puls und unseren Emotionen, Gefühlen, oder unserem Unbewußten?

Aus unserem Pulsschlag, den wir am Handgelenk oder an der Halsschlagader fühlen können, wurden seit der Antike Rückschlüsse auf die Funktion des Herz-Kreislaufsystems bzw. Erkrankungen des Herzens und der Gefäße gezogen.

Beurteilt wird der Rhythmus (ob rhythmisch oder unrhythmisch), die Qualität des Pulses (z.B. als celer et altus oder parvus et tardus)und die Herzfrequenz.

Die – unter Anführungszeichen – „normale“ Herzfrequenz wird bis heute im Erwachsenenalter sehr breit zwischen 50 und 100 Schlägen pro Minute angegeben.

Sie unterliegt einer Vielzahl von Einflüssen: Hormone, wie Adrenalin oder Noradrenalin, aber auch das Schilddrüsenhormon Thyroxin erhöhen den Pulsschlag, so genannten Vagusreize reduzieren über das parasympathische Nervensystem die Herzfrequenz.
Bei Erkrankungen, bei denen wie z.B. bei Fieber, der gesamte Grundumsatz des Körpers erhöht ist, ist auch der Puls schneller.
Eine Vielzahl an Substanzen bzw. Medikamenten können den Puls positiv wie negativ beeinflussen.

Während physischer Belastung benötigt unser Körper mehr Energie und Sauerstoff. Dieser Mehrbedarf wird durch eine Zunahme des pro Minute vom Herzen in die Schlagader ausgeworfenen Blutvolumens gedeckt. Dieses pro Minute gepumpte Blutvolumen, das sogenannte Herzminutenvolumen, ergibt sich aus einer größeren Menge pro Herzschlag ausgeworfenem Blut multipliziert mit einer rascheren Zahl an Herzschlägen. So kann durch häufigere Herzschläge mit mehr ausgeworfenem Blut der Energiebedarf auch während großer Anstrengungen gedeckt werden.

Zum Verständnis der Herzfrequenz ist auch entscheidend zu berücksichtigen, daß sich der Zyklus zwischen zwei Herzschlägen in eine Füllungsphase – die Diastole – und eine Auswurfphase – die Systole – teilt.
Die Zeit für die Systole, in der in Ruhe mit jedem Herzschlag rund 70 mL Blut gepumpt wird, ist relativ konstant.
Die Zeit der Diastole, in der nicht nur die Füllung der Herzkammern sondern auch die Durchblutung des Herzmuskels selbst erfolgt, ist frequenzabhängig.
Das bedeutet, daß bei einer niedrigeren Herzfrequenz die Kammern besser gefüllt und das Herz selbst mit mehr Energie versorgt werden kann. Andererseits bedingt eine höhere Ruhefrequenz bei gesteigertem Energiebedarf eine geringere Zeit für die Energieversorgung des Herzmuskels sowie eine Abnahme der Füllung.

Dies führt zu der Frage: gibt es eine „optimale“ Herzfrequenz?
Mit anderen Worten hinterfragt: besteht ein Zusammenhang zwischen der Zahl unserer Herzschläge und unserer Lebenserwartung?
Wie können wir unsere Herzfrequenz beeinflussen? Und: gibt es einen Zusammenhang zwischen unserem Puls und unseren Emotionen, Gefühlen, oder unserem Unbewußten?

Die erste Frage ist durch wissenschaftliche Langzeit-Beobachtungen belegt.
In der Famingham-Studie konnte unter anderem nach einem Beobachtungszeitraum von über 30 Jahren gezeigt werden, daß die Lebenserwartung mit der frühest dokumentierten Herzfrequenz korreliert.
Bereits ab einer Ruhefrequenz von 70 Schlägen pro Minute steigt das Risiko, nach 3 Jahrzehnten frühzeitiger zu versterben.
Dies gilt für die Gesamtsterblichkeit, aber besonders für das Ableben im Rahmen eines Herzinfarktes und den plötzlichen Herztod.
Hochrisikogruppen sind übergewichtige Menschen mit einem Metabolischen Syndrom oder schlecht eingestellte Hochdruckpatienten mit einem Ruhepuls über 80/min.

Für die meisten Spezies gilt, daß die Summe aller Herzschläge konstant ist.
Auf der einen Seite haben manche Schildkröten mit 5-15 Schlägen pro Minute eine Lebenserwartung bis zu 200 Jahre, auf der anderen Seite lebt die Springmaus mit über 1000 Schlägen pro Minute nur 7-10 Tage.
Beim Menschen ist die längste Lebenserwartung bei einer Herzfrequenz um 60/min zu erwarten, Ziel ist eine Ruhefrequenz unter 70/min.
Als untere Grenze sollte – außer bei gesunden, sehr trainierten Menschen – ein Puls unter 50/min vermieden werden.

Wie kann nun unser Puls beeinflußt werden?

Das Gleichgewicht zwischen einerseits Sympathischem Nervensystem mit seinen stress-, blutdruck- und herzfrequenzerhöhende Einflüssen und andererseits dem Vagus oder parasympathischen Nervensystem mit kreislaufberuhigenden Einflüssen kann durch einen Lebensstil mit regelmäßiger Ausdauerbelastung positiv beeinflußt werden.
Übergewichtige Menschen haben bereits eine erhöhte Frequenz, bevor sich das Vollbild eines Metabolischen Syndroms zeigt.
Präventiv sei auf die Möglichkeit eines bewußten Lebensstils zur Verbesserung der Lebenserwartung mit Lebensqualität verwiesen.

Einige Erkrankungen sind mit einer höheren Herzfrequenz assoziiert.

In diesen Fällen muß primär die Grundkrankheit behandelt werden.
Als Medikamente, welche u.a. auch die Frequenz senken können, kommen primär ß-Blocker, aber auch Ivabradin und in Einzelfällen bradykardisierende Kalzium-Antagonisten zur Anwendung.

Ein Zusammenhang zwischen Emotionen bzw. unserem Unbewußten und Frequenz läßt sich am besten durch die wechselwirkenden Einflüsse der Musik erklären.
Ende des Barock, also 17./18. Jahrhundert, wurde erstmals der „tactus“ definiert.
Dadurch wurde angegeben, wie rasch ein Musikstück zu spielen ist.
Als Richtwert orientierte man sich am menschlichen Pulsschlag.
„Adagio“ wurde als „langsam, mit großem Ausdruck“ mit einer Frequenz von 66 bis 76/min definiert.
„Allegro“ wird seitdem mit 112 bis 120 Schlägen gespielt.
Bei den Frequenzangaben erinnern sich Musiker, daß mit Ganz- und Halbtönen eingezählt wird, also 1, 2 – 1,2,3,4, sodaß v.a. in der heutigen Unterhaltungsmusik 60 bzw 120 Schläge, also ganze und halbe Noten oft gleich zu interpretieren sind.
Wenn wir das Tempo der Hintergrundmusik in manchen Radiosendern, Kaufhäusern oder Geschäften mitzählen können wir feststellen, daß fast alle dieser Musikstücke mit einer Frequenz um 120 – entsprechend einer Pulsfrequenz um 60 – gespielt werden.
Neueste neurophysiologische Untersuchungen belegen, daß bei Musik in jenem Tempo Hirnregionen aktiviert werden, die für Wohlbefinden und Glücksgefühle verantwortlich sind.
Andererseits aktivieren Musikstücke mit einer Frequenz um 150/min v.a. Stresszentren.
Eine Arbeitsgruppe hat während Konzerten von Verdi, Puccini, Bach und Beethoven die Taktänderungen des Orchesters mit Blutdruck, Herz- und Atemfrequenz sowie Hautdurchblutung des Publikums korreliert.
Schon eine kurzfristige Zunahme des Tempos der Musiker bedingt einen Anstieg von Puls, Blutdruck und Atemfrequenz bei den Zuhörern und ihre Gefäße verengten sich.
Daß den Komponisten diese Wechselwirkungen zwischen Tempo und unserem unbewußten Nervensystem sehr wohl bekannt war zeigt auch die Anspielung von Johann Strauss, wenn Rosalinde in der Fledermaus sing: „Stimmen meines Herzens Schläge – mit dem Tiktak einer Uhr? – Den Schlag des Herzens zählen Sie – und ich das Tiktak Ihrer Uhr.“
Eindrucksvoll spielt z.B. auch Ludwig van Beethoven mit Tempovariationen am Beginn der 5. Schicksals-Symphonie.

In der heutigen Musik finden sich viele Beispiele, wie das selbe Musikstück in gleicher Tonart mit demselben Text aber in unterschiedlichem Tempo gespielt unterschiedlichste Emotionen beim Publikum auslöst.
Einige kurze Beispiele:
(M 1A) Bei der Interpretation des „Jailhouse Rock“ anläßlich der Elvis-Gala „Divas in Las Vegas“ hält der Bass für ein etabliertes Publikum in Abendkleidung den Grundrhythmus.
(M 1B) Bei der Heavy Metal-Interpretation durch Mötley Crüe werden aggressive Emotionen auch körperlich ausgelebt.
Als 2. Beispiel seien die Fassungen von „What a wonderful world“ angeführt: (M 2A) zuerst Louis Armstrong und (M 2B) im Gegensatz dazu die englischen Punkveteranen Ramones.
Und zuletzt 2 Interpretationen von „You never walk alone“ mit konträren Publikumsreaktionen: (M 3A) Die Fassung von André Rieu mit Orchester in Smoking, Engelschor und Geigensolo rührt ein glückseliges, gebannt versunkenes Auditorium zu Tränen.
(M 3B) Dem gegenüber die Schlußnummer der Toten Hosen in der „Heimspiel-Tournee“ 2005 mit bengalischen Feuern, Pogo und stage diving.

Es besteht also eine enge Wechselwirkung zwischen dem Tactus, dem Tempo oder eben der Frequenz und unserem Unbewußten.
Generell gilt, daß unser Pulsschlag unter akustischer Stimulation ansteigt.
Der Herzfrequenzanstieg ist dabei abhängig von der Ruhefrequenz und wird durch das sympathische Nervensystem getriggert.
In der Praxis bedeutet dies, daß unabhängig von der gerade gehörten Musikrichtung je nach körperlicher Anstrengung das Tempo unter der eigenen Herzfrequenz liegen sollte, um weitere Anstiege zu vermeiden.
Dies gilt besonders für die Musikwahl beim Joggen oder anderen sportlichen Belastungen.

Aber, haben diese Einflüße der Musik auch im Langzeitverlauf Auswirkungen auf unsere Lebensqualität und Lebenserwartung?

Eine Kanadische Erhebung hat unlängst gezeigt, daß Menschen, welche regelmäßig klassische Musik oder so genannte „popular music“, also Musik mit überwiegend Frequenzen um 60 hören um 10% gesunder sind und zu mehr Sozialverhalten tendieren.

Bei Patientinnen und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann täglich rund 30 Minuten Musik mit einem Tempo um 60 den Blutdruck um 12 mmHg systolisch bzw. 5 mmHg diastolisch senken.
Parallel dazu sind eine Abnahme der Herzfrequenz und eine Zunahme des Blutflusses im Sinne einer besseren Durchblutung zu erwarten.
In der Rehabilitation nach Herzattacken oder Herzoperationen wurden unter Musiktherapie weniger Schmerzen und Angst angegeben.

In der Patientenseite der berühmten Bostoner Harvard Medical School wird zusammengefaßt: Musiktherapie oder einfach nur Musik hören kann gut für Ihr Herz sein.
Der optimale Ziel-Bereich unserer Ruhefrequenz liegt zwischen 60 und 70 Schlägen pro Minute.

Zweitmeinung Herzarzt Wien- Prof. Thomas Stefenelli
Prim. Univ.- Prof. Dr. Thomas Stefenelli ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und AngiologieVorstand, 1. Med. Abt., Donauspital und allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger Seine fachlichen Schwerpunkte sind: Herzmuskelschwäche/Herzinsuffizienz, Koronare Herzkrankheit/Angina pectoris, Atherosklerose/Gefäßkrankheiten, Herzklappenerkrankungen.

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