Abnehmspritzen wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro sind derzeit in aller Munde. Doch was passiert, wenn das Medikament wieder abgesetzt wird – und wie gelingt es, das erreichte Gewicht dauerhaft zu halten? Dazu war Dr. Friedrich Mittermayer, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechsel in unserem Ärztezentrum Co-Ordination, im Interview mit der Tageszeitung „Die Presse“.
Warum viele nach dem Absetzen wieder zunehmen
GLP-1-Präparate wirken auf die Sättigungszentren im Gehirn, verlangsamen die Magenentleerung und dämpfen den Appetit. Wird das Medikament abgesetzt, fällt dieser bremsende Effekt weg – der Körper kehrt zu seiner ursprünglichen Hunger- und Appetitregulation zurück. Gleichzeitig hat sich der Stoffwechsel während der Gewichtsabnahme angepasst: Der Grundumsatz sinkt, der Körper braucht weniger Energie, und Hungerhormone wie Ghrelin steigen wieder an. Wer dann nur etwas mehr isst als zuvor, nimmt leicht wieder zu. Dr. Mittermayer betont: Das ist kein Versagen, sondern ein bekanntes physiologisches Phänomen, das bei nahezu jeder Form der Gewichtsabnahme auftritt.
Die entscheidende Phase kommt nach der Spritze
Besonders kritisch sind laut Dr. Mittermayer die ersten Monate nach der Dosisreduktion oder dem Absetzen, weil der Appetit relativ rasch zurückkehrt. Aber auch die Jahre danach zählen – denn Gewichtserhalt ist ein Dauerprozess, kein einmaliges Ereignis. Entscheidend ist deshalb, die medikamentöse Phase zu nutzen, um Ernährung, Bewegung und den Lebensstil insgesamt nachhaltig umzustellen. Werden diese Gewohnheiten schon während der Behandlung aufgebaut, stehen die Chancen deutlich besser, das Gewicht danach zu halten.
Medikament und Verhaltensänderung gehören zusammen
Ein häufiger Einwand: Wenn es so einfach wäre, den Lebensstil zu ändern, bräuchte man keine Medikamente. Genau hier liegt der Punkt – Abnehmen ist nicht reine Willenssache. Bei ausgeprägtem Übergewicht verändert sich die Regulation von Hunger und Sättigung im Gehirn, der Körper „verteidigt“ ein höheres Gewicht aktiv, etwa über erhöhte Hungerhormone und ständiges Denken ans Essen. GLP-1-Präparate setzen genau dort an und dämpfen dieses übersteigerte Hungersignal. Dadurch entsteht laut Dr. Mittermayer erst das biologische Fenster, in dem kleinere Portionen und neue Bewegungsroutinen überhaupt nachhaltig gelingen können. Die Medikamente ersetzen die Verhaltensänderung also nicht – sie machen sie erst möglich.
Keine Lifestyle-Produkte, sondern Medizin
Ein zentrales Anliegen von Dr. Mittermayer ist der Blick auf die Erkrankung selbst: „Adipositas ist eine chronische Erkrankung und keine Frage der Willenskraft.“ Der Stigmatisierung begegne man in der Praxis noch immer sehr häufig. GLP-1-Präparate seien keine Lifestyle-Produkte, sondern verschreibungspflichtige Medikamente mit Nebenwirkungen, die in eine ärztlich begleitete Behandlung gehören. Der nachhaltigste Erfolg entsteht, wenn Medikament und begleitende Verhaltensänderung zusammenkommen – genau das ist der Ansatz, den wir in der Co-Ordination verfolgen.
Ausblick: Tabletten und neue Wirkstoffe
Im Interview geht Dr. Mittermayer auch auf die kommenden Entwicklungen ein: Mit der oralen Semaglutid-Variante und weiteren Wirkstoffen kommen zunehmend Abnehmpillen auf den Markt, die für manche Patient:innen – etwa bei Spritzenangst – eine sinnvolle Alternative sein können. Parallel arbeitet die Forschung an Wirkstoffen mit breiterer Hormonwirkung und an selteneren Verabreichungsintervallen. Eine „Revolution“ seien die Tabletten nicht, aber sie erweitern das Angebot spürbar.
Zum vollständigen Interview
Das ausführliche Gespräch mit allen Details ist bei „Die Presse“ erschienen:
Die Presse: Ozempic, Mounjaro, Wegovy: So hält man sein Gewicht auch nach dem Absetzen der Abnehmspritzen