Stress – Er darf unser Leben nicht negativ bestimmen

Dr. Stefenelli im Gesundheitspodcast MERCK Cast

Hallo und herzlich willkommen bei MERCK-Cast – dem Gesundheitspodcast.

In dieser Folge geht es um ein Thema, dem wir in unserem Alltag oft nur schwer entkommen und das uns immer wieder einholt – sei es jetzt im Beruf oder Privat: es geht um das Thema – na, schon erraten?: ja genau: STRESS.

Wie man es nun schafft, dass Stress unser Leben nicht zu negativ bestimmt und was die Auswirkungen auf unser Herz sind, darüber sprechen wir mit unserem heutigen Gast im Studio.

Ich freue mich daher sehr, Univ.-Prof. Dr. Thomas Stefenelli bei uns zu begrüßen. Prof. Stefenelli ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie, tätig im Ärztezentrum „Co-Ordination“ im 8. Wiener Gemeindebezirk und er war Vorstand der ersten medizinischen Abteilung der Klinik Donaustadt des Wiener Gesundheitsverbunds.

Herzlich Willkommen Herr Prof. Stefenelli.

Vielen Dank für die Einladung.

Was bedeutet für Sie als Kardiologen „Stress“?

Der Begriff Stress wird sowohl im täglichen Sprachgebrauch als auch in der Fachliteratur je nach Standpunkt sehr unterschiedlich verwendet bzw. definiert. Das Wort „Stress“ leitet sich vom lateinischen Wort ´stringere´ ab, was man mit ´anspannen´ übersetzen könnte, im Italienischen noch heute auch zusammenschnüren, enger machen, abbinden.
Ursprünglich wurde der Begriff „Stress“ in der Technik im Sinne einer Materialermüdung durch Druck oder Zug auf ein Metall verwendet. Im Jahre 1936 beschrieb Hans SELYE Stress erstmals biologisch als – wie er sagt: „unspezifische Reaktion des Körpers auf jegliche Anforderung“ – Stress – eine durch Stressoren ausgelöste, durch Nerven und Hormone vermittelte „unspezifische Reaktion des Körpers auf eine Anforderung“.

Das heißt Stress ist in dieser Definition sehr unspezifisch?

Ja. Stressoren können einerseits unspezifische biologische Reaktionen auslösen, wie wir sie als körperliche Antwort auf Kälte oder Fieber kennen, oder sich als psychischer Stress äußern. Diese Reaktionen befähigen uns, besondere Anforderungen unter körperlicher und geistiger Belastung zu bewältigen.

Stressreaktionen sind also nicht primär negativ?

Nein. Entwicklungsgeschichtlich wären wir ohne situativ adäquate Stimulation durch Stresshormone und folglich Aktivierung unseres Herz-Kreislaufsystems, Optimierung der Atmung, Priorisierung kognitiver Zentren, sowie Mobilisierung unserer Energievorräte für unsere maximal durchblutete Skelettmuskulatur schon bei der ersten Konfrontation mit einem Mammut oder Raubtier ausgestorben.
Physiologischer Weise kommt es bei gesunden Probanden reproduzierbar und geschlechtlich nicht unterschiedlich während mentaler und physischer Stressbelastung zu einem kurzfristigen, signifikanten Anstieg der Katecholamine, der freien Fettsäuren und des Blutzuckerspiegels, sowie dem diastolischen Blutdruck und peripheren Gefäßwiderstand.
Gleichzeitig werden energieverbrauchende, aber für Flucht oder Kampf nicht unbedingt benötigte Organsysteme gleichsam heruntergefahren: die Darmmuskulatur entspannt sich, Verdauung oder Sexualfunktionen werden gehemmt, die Aktivierung unseres Immunsystems nimmt ab.

Kurz zusammengefasst: Optimale Metabolik der Skelett-Muskulatur, entspannte Atemmuskulatur und angepasstes Herzminutenvolumen sind Voraussetzungen für Höchstleistungen – diese wären ohne unsere Stressreaktionen gar nicht möglich.
Entsprechend ist die Regenerationsphase nach einer Stressbelastung entscheidend – sei es das fröhliche Festmahl nach der erfolgreichen Mammutjagt, die Siegesfeier nach einem Sportevent oder ein belangloses Afterwork-Treffen nach einem hektischen Arbeitstag.
Dabei kann das vegetative Nervensystem nach einer Phase der Aktivierung via Vagus-Stimulation auf Regeneration gegenregulieren.

Entscheidend scheint eine Balance aus Stress und Erholung bzw. Aktivität und Passivität, Stimulation und Ruhe zu sein. Was passiert, wenn dieses Gleichgewicht gestört ist?

Der positiv empfundene Eustress – vom Prickeln vor einem Date bis zum Kick vor einem Bungee-Sprung – ist eine physiologische Reaktion unseres Organismus und befähigt zur Bewältigung schwieriger Aufgaben, Belastungen oder Emotionen; er erhöht die Aufmerksamkeit und fördert die maximale Leistungsfähigkeit.

Demgegenüber wird Dysstress von negativen Stressfaktoren ausgelöst.
Entscheidende Faktoren des Dysstress sind fehlende Anpassungen oder Kompensationen sowie inadäquate Gegenregulationen bzw. individuelle Stress-Bewältigungen.
Situationen oder Phasen, in denen besondere Anforderungen die Bewältigungsmöglichkeiten eines Individuums überschreiten – können zu einer Abnahme von Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit führen sowie Krankheiten auslösen, verstärken und unsere Gesundheit negativ beeinflussen.

Wie kann sich nun längerer anhaltender oder schlecht kompensierter Stress auf unser Herz-Kreislaufsystem auswirken?

Neben der direkten Wirkung auf die Arterien werden auch wesentliche Risikofaktoren der Atherosklerose aktiviert.
Die Stresshormone Noradrenalin, Adrenalin, Dopamin und Cortisol führen akut über Vasokonstriktion – also Engstellung der Arterien – zu einem Anstieg des Blutdruckes und erhöhen im Verlauf das Risiko für eine arterielle Hypertonie sowie kardiovaskuläre Ereignisse.
Eine rezente Langzeitbeobachtung zeigt, dass nach 6 Jahren bei Verdoppelung nur eines dieser genannten Hormone eine manifeste Hypertonie bei rund jedem 4. Probanden auftritt.
Dies steht in Einklang mit älteren Daten, in denen gezeigt wurde, dass bei Personen mit einer Familienanamnese für Hochdruck bereits Jahre vor Manifestwerden der eigenen Hypertonie erhöhte Katecholamin-Spiegel gemessen wurden.
Weiters steigt während stressig empfundener Lebensphasen der Nikotin- und Alkoholkonsum.
Das stress-induziert vermehrt exprimierte Appetithormon GHRELIN steigert das Verlangen nach Süßspeisen und konsekutiv das Körpergewicht.
Denken wir an die Interaktionen Cortison, Blutzucker und Diabetes:
Das Stresshormon Cortisol stimuliert die Glukosefreisetzung und hemmt gleichzeitig die Insulinwirkung im Sinne einer Insulinresistenz.
Mehrere wissenschaftliche Publikationen beschreiben klare Korrelationen zwischen einerseits beruflichem Stress und Jobunsicherheit, andererseits Übergewicht und pathologischen Anstiegen von Glukose, Insulin, sowie auch Gesamtcholesterin und der Triglyzeride.

Hier schließen sich stressassoziiert mehrere Kreise um das Metabolische Syndrom.

In Summe haben Menschen mit einer geringen Fähigkeit mit Stress umzugehen ein hohes Risikoprofil für Atherosklerose.
Klinische Daten belegen eine enge Beziehung zwischen erhöhten Cortisol-Titern und dem Auftreten von Koronarsyndromen und Schlaganfällen.
Und auch bei Patientinnen und Patienten mit peripherer Verschlusskrankheit, das sind Verengungen in den Beinarterien mit den klinischen Zeichen der sogenannten Schaufensterkrankheit, erscheint chronischer Stress mit einer früheren Gesamtsterblichkeit assoziiert.

Wie lässt sich Stress nun abbauen? Haben Sie Tipps?

Auch hierzu finden Sie im Internet auf den Patientenseiten großer Spitäle reichliche Tipps.
Versuchen wir, individuell Wege zu etablieren, nach stressigen Situationen ausgleichende Ruhe zu finden.
Das Spektrum kann von kurzen Aus- oder Pausen-Zeiten, ausreichend Schlaf, regelmäßiger Ernährung sowie Bewegung oder aktivem Sport bis Entspannungstechniken – also Atemübungen bis Yoga – reichen.
Führen wir positive Gespräche, persönlich oder in Telefonaten, vergessen wir nicht auf Besuche bei Freunden, auf Hobbies oder Vereinstätigkeiten.
Setzen wir Prioritäten und versuchen wir, positive Aspekte aufzugreifen –
herzhaftes Lachen verbessert nachweislich unsere Hämodynamik bzw. die Leistungsfähigkeit unseres Herzens.

Sollten diese Maßnahmen in einer Lebensphase nicht ausreichen, verspüren Sie weitere Symptome der übermäßigen Stressbelastung wie z.B. Schlafstörungen, depressive Verstimmung oder Angst, Kopf- oder Muskel- bzw. Gliederschmerzen, Beschwerden im Magen-Darm-Trakt oder kardiale Symptome, zögern Sie nicht, eher frühzeitig professionelle Hilfe aufzusuchen, um persönliche Tipps zur Stressbewältigung anzunehmen.

Wir können lernen, auch mit starkem Stress gut umzugehen. Stress darf unser Leben nicht negativ bestimmen.

Lieber Herr Prof. Stefenelli. Vielen Dank für unser stressfreies Gespräch und dass Sie bei uns waren. Und vielen Dank fürs Zuhören.

Zweitmeinung Herzarzt Wien- Prof. Thomas Stefenelli
Prim. Univ.- Prof. Dr. Thomas Stefenelli ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologieund allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger Seine fachlichen Schwerpunkte sind: Herzmuskelschwäche/Herzinsuffizienz, Koronare Herzkrankheit/Angina pectoris, Atherosklerose/Gefäßkrankheiten, Herzklappenerkrankungen.

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